Fundstücke

„Mit jeder Nachricht und jedem Like geht mir das Herz auf“

Während wir, das Lebensritter-Team, dieses Interview gerade zur Veröffentlichung vorbereiten, erreicht uns die erfreuliche Nachricht: Franzi erhielt ein passendes Spenderherz. Noch schläft sie und erholt sich von der langen Operation. Wir fiebern mit. Freundin Milena, die selbst mit einem Spenderorgan lebt, hält die Instagram-Community derweil in ihrer Story auf dem Laufenden. Die beiden Frauen kennen sich gut. Aber nicht nur das, Milenas Vater erhielt in derselben Nacht wie Franzi, vor 30 Jahren, ein Spenderherz.


Wenige Tage nach ihrer Herztransplantation am 15. März 2022 meldet sich Franziska dann mit einem Update: Die Transplantation ist erfolgreich verlaufen und ihr geht es den Umständen entsprechend gut. Über den langen Weg dorthin, hatte sie zuvor mit uns im Interview gesprochen...

Lebensritter: Sie sind im Moment in Berlin im Paulinenkrankenhaus und warten auf ein Spenderherz. Wie lange stehen Sie bereits auf der Warteliste und wie geht es Ihnen aktuell?


Franziska Bleis: Ich bin seit dem 28.12 „High Urgency“ gelistet [Anmerkung Lebensritter: Hohe Dringlichkeit] und warte in der Pauline (Das Paulinenkrankenhaus in Berlin Westend ist eine moderne Spezialklinik mit dem Schwerpunkt kardiologische Weiterversorgung). Zuvor stand ich bereits anderthalb Jahre auf der „normalen“ Transplantationsliste.

Lebensritter: Wie kam es letztlich dazu, dass Sie doch ein Spenderherz benötigen? Es schien doch so, als hätte die Behandlung vor etwa zwei Jahren Ihr Herz regeneriert.

 

Franziska Bleis: Ich hatte eine sehr schlimme und seltene Form der Myokarditis [Anmerkung Lebensritter: Herzmuskelentzündung]. In der Anfangsphase war ich lange im Krankenhaus und auf eine mechanische Herzunterstützung angewiesen. Zum Glück entschieden sich die Ärzte gegen ein Kunstherz und für eine etwas experimentellere Methode. Nach 2 Monaten konnte ich entlassen werden – leider noch mit aktiver Myokarditis, aber auch mit der Hoffnung, dass die Entzündung verschwindet. Ich habe alles getan, um dies zu unterstützen. In dieser schweren Zeit war ich immer wieder im Krankenhaus und hatte mit vielen Rückschlägen und vor allem Herz-Rhythmusstörungen zu kämpfen. Ein Punkt, der mir dabei geholfen hat, das alles zu überstehen und die Regeln strikt zu befolgen, war die Tatsache, dass ich selbst 15 Jahre in der Kardiologie an der Berliner Charité und zum Thema Myokarditis gearbeitet hatte. Vielleicht Ironie des Schicksals.

'In der Anfangsphase war ich lange im Krankenhaus und auf eine mechanische Herzunterstützung angewiesen.'
"In der Anfangsphase war ich lange im Krankenhaus und auf eine mechanische Herzunterstützung angewiesen."

Lebensritter: Und wie ging es dann weiter?

 

Franziska Bleis: Im Sommer 2020, nur 6 Monate nach dem Start der Erkrankung, litt ich unter kammerflimmern. Mein Defibrillator schockte mich in der Nacht, ein Zeitpunkt und eine Situation, die mich an meine Grenzen brachte. Meine Tochter lag in dieser Nacht gleich neben mir. Was für eine Horrorvorstellung, wäre ich morgens tot gewesen.

 

Erst dieses Ereignis brachte mich schließlich auf die Warteliste für ein Spenderorgan. Allerdings löste dieser Schock neben Haarausfall auch schlimme Probleme mit der Psyche aus. Ich hatte Angst, nicht mehr gesund zu werden. Aber nur zwei Monate später heiratete ich meinen Lebensgefährten und das brachte so viel Glück in mein Leben. Überhaupt war ich sehr glücklich und zufrieden, einfach da zu sein und mein Leben selbstständig bestreiten zu können – trotz der Erkrankung und meines sehr schlechten Herzens, trotz der Angst, zu sterben oder nicht alt zu werden.

Lebensritter: Wie haben Sie sich diese positive Denkweise bewahrt?


Franziska Bleis: Ich habe mir einfach immer gesagt: Ich werde gesund. Das wird jetzt anders laufen als erwartet.

'Ich habe mir einfach immer gesagt: Ich werde gesund.'
"Ich habe mir einfach immer gesagt: Ich werde gesund."

Lebensritter: Wie ging es später weiter? Was brachte Sie erneut in die Klinik?


Franziska Bleis: Ausschlaggebend waren einige Ereignisse in der zweiten Jahreshälfte 2021. Ich hatte mich mit meiner Erkrankung arrangiert und – unter vielen vergessenen Tränen – immer mehr akzeptiert, dass ich nie wieder der leistungsfähige Mensch sein würde, der ich früher einmal war. Trotzdem, ich fühlte mich mittlerweile sicher. Auch das war ein langer, steiniger Weg. Eigentlich war alles ein Kampf.


Im September und Dezember 2021 hatte ich schwere Herz-Rhythmusstörungen, einen sogenannten „electrical storm“ [Anmerkung Lebensritter: electrical storm bezeichnet einen Zustand kardialer elektrischer Instabilität, der sich in multiplen Episoden ventrikulärer Tachyarrhythmien (Kombination aus Arrhythmie =Herzrhythmusstörung und Tachykardie =schneller Herzschlag) innerhalb kurzer Zeit äußert.]Mein Defibrillator konnte diese Rhythmusstörungen nicht mehr regulieren. Ich war zu dieser Zeit bei meinen Eltern auf dem Land, wo Rettungsdienste gefühlt „ewig“ brauchen.

Franziska Bleis vor dem Paulinenkrankenhaus.
Franziska Bleis vor dem Paulinenkrankenhaus.

Lebensritter: Auf Ihrem Instagram-Profil teilen Sie Ihre Geschichte und klären über Organspende auf. Wie ist die Resonanz auf Ihre Social-Media-Aktivitäten?

 

Franziska Bleis: Zunächst nutzte ich die sozialen Medien selbst nur passiv, um mich ein wenig umzusehen. Ich habe lange überlegt, wie offen ich sein möchte. Im Januar 2022 wurde ich auf Instagram dann selbst langsam aktiv und habe unter meinem Profil-Namen franzis_herzkraftwerk dann vorsichtig mit ersten Beiträgen angefangen. Und es tut mir so gut!

 

Hier in der Klinik habe ich soziale Kontakte gefunden, komme hier gut mit dem Personal klar und suche mir vielseitige Beschäftigung. Der Austausch auf Instagram gibt mir das Gefühl, wirklich etwas zu bewirken und nicht nur auf dem Abstellgleis zu stehen und alles zu verpassen.

 

Mir ist es sehr wichtig, echt zu sein. Ich möchte den Menschen auch zeigen, wie es ist, auf der Intensivstation zu liegen, oder wie etwa die erste Physiotherapie abläuft.

 

Das Deutsche Herzzentrum unterstützt mich sehr in meinem Vorhaben, wir wollen meine Transplantation begleiten – ich freue mich auf die Resonanz.

Ich bin kein perfekter Mensch, aber vielleicht kann ich dadurch etwas bewegen. Mein Leben hat sich von jetzt auf gleich verändert und das kann jedem passieren. Daher sollte jeder sich Gedanken über Organspende machen und eine Entscheidung treffen.

Lebensritter: Sind Sie dadurch mit anderen Transplantierten oder anderen Wartelistenpatientinnen und -patienten in Kontakt gekommen?

 

Franziska Bleis: Tatsächlich haben viele Menschen Kontakt zu mir aufgenommen: Transplantierte, Wartende, Angehörige. Das ist wunderbar und mir geht mit jeder Nachricht und jedem Like das Herz auf. Es ist faszinierend, wie ich aufgenommen werde, in eine absolut dankbare und glückliche Community. Und das, obwohl ich noch nicht einmal transplantiert bin.

Franziska Bleis in ihrem 'Wartezimmer' im Paulinenkrankenhaus.
Franziska Bleis in ihrem "Wartezimmer" im Paulinenkrankenhaus.

Lebensritter: Welche Wünsche haben Sie für die Zeit nach einer erfolgreichen Transplantation?


Franziska Bleis: Ich hoffe, dass ich bald dran bin, dass ich vielleicht in einer Range von drei Monaten mein Herz bekomme. Ich tue alles, um fit und gesund zu bleiben. Mein medizinischer Background hat mir sehr geholfen, alles zu verstehen und wird es auch weiter tun. Ich bin sehr gewissenhaft, habe aber dennoch Respekt vor dem ersten Jahr nach der Transplantation.

Lebensritter: Worauf freuen Sie sich am meisten?

 

Franziska Bleis: Ich freue mich besonders auf meine Tochter und meinen Mann. Mich wieder in ihr Leben einzubringen und es zu unserem zu machen – einfach zu leben. Ich freue mich darauf, wieder aktiv sein können und Sport zu machen. Und ich werde mich weiter der Organspende widmen und vielleicht auch anderen wichtigen Themen. Das lasse ich auf mich zukommen.

 

Lebensritter: Was wünschen Sie sich für Veränderungen rund um das Thema Organspende in Deutschland?


Franziska Bleis: Organspende in Deutschland muss selbstverständlicher werden. Dazu müssen wir den solidarischen Gedanken stärken. Nach dem Motto: „Ich tue das indirekt auch für mich“ – ähnlich funktioniert ja auch das Rentensystem. Es fängt aber schon in der Schule an. Hier sollte nicht nur die Leistung des Einzelnen zählen, sondern auch das „Wir“ zählen. Und aus meiner Sicht sollten die Medien auch mehr über Regelungen in anderen europäischen Ländern aufklären.

'Organspende in Deutschland muss selbstverständlicher werden.'
"Organspende in Deutschland muss selbstverständlicher werden."

Weiteres über Franziska auf Ihrem Profil.

#OrganspendeGeschichten

Sind Sie auch ein Lebensritter und haben eine Geschichte zum Thema Organspende zu erzählen?


Kontaktieren Sie uns entweder direkt unter kontakt@lebensritter.de oder verfassen Sie hier Ihre Nachricht an uns.

Vorsicht!

Sie nutzen einen alten Browser!
Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser um diese Seite anzuzeigen.