Menschen

Jetzt ist jemand anderes gestorben

Das ist das Erste, was Michael Kuse sagte, als er nach seiner fünfstündigen Herztransplantation aufwachte. Ohne diese Operation wäre der 55-Jährige heute nicht mehr am Leben. Michael Kuse wohnt mit seinem Mann, seiner Ex-Frau, seinen Kindern und Hunden im sauerländischen Sundern. Wir haben ihn besucht und mit ihm über seine Geschichte gesprochen.

Lebensritter: Herr Kuse, wie geht es Ihnen mit dem neuen Herzen?


Michael Kuse: Wunderbar. Ich fühle mich wie ein neuer Mensch.


Lebensritter: Wie hat sich Ihr Leben nach der Operation im Jahr 2018 verändert, was ist jetzt anders?


Michael Kuse: Es geht mir natürlich um einiges besser. Ich muss selbstverständlich Medikamente nehmen, ist ja logisch. Rohes, wie zum Beispiel bestimmtes Fleisch, darf ich nicht essen. Das Übliche halt nach einer Herztransplantation. Was sich extrem verändert hat – ich kann Dunkelheit nicht mehr ertragen. Ohne Licht schlafen geht gar nicht, ich achte immer darauf, dass es nie ganz dunkel um mich herum ist. Ich glaube, das habe ich aus meiner Zeit im Krankenhaus mitgenommen …

Lebensritter: Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass Sie ein neues Herz brauchten?


Michael Kuse: Ich litt unter Atemnot und hatte einen unangenehmen Druck auf der Brust. Ein Arzt stellte schließlich fest, dass meine Arterien verengt waren, deshalb wurde mir 2005 ein Stent gesetzt [Anmerkung Lebensritter: Ein Stent ist eine Gefäßstütze aus Metall oder Kunstfasern, die in Gefäße oder Hohlorgane eingesetzt wird, um diese zu stützen und offen zu halten].

'Ein Arzt stellte schließlich fest, dass meine Arterien verengt waren, deshalb wurde mir 2005 ein Stent gesetzt.'
"Ein Arzt stellte schließlich fest, dass meine Arterien verengt waren, deshalb wurde mir 2005 ein Stent gesetzt."

Lebensritter: Und damit ging es Ihnen besser?


Michael Kuse: Anfangs ja. Aber dann hatte ich einen „angekündigten Herzinfarkt“. Mein Stent hatte sich zugesetzt und musste geöffnet werden. Man sagte mir vor dem Eingriff, dass es dabei zu einem Herzinfarkt kommen kann. Dann musste mir ein Bypass gelegt werden [Anmerkung Lebensritter: Ein Bypass ist eine „Umleitung“, die das Blut an der verengten Stelle vorbeiführt]. Ein paar Jahre später habe ich noch einen Schrittmacher mit Defibrillator-Funktion bekommen [Anmerkung Lebensritter: Ein Schrittmacher bringt die beiden Herzkammern wieder in Einklang, der Defibrillator gibt im Notfall einen Stromstoß ab und verhindert so einen plötzlichen Herztod]. 2017 kam es zum Kammerflimmern, der Defi hat neunmal ausgelöst und ich hatte wieder einen Herzinfarkt.

'Aber dann hatte ich einen ‚angekündigten Herzinfarkt‘.'
"Aber dann hatte ich einen ‚angekündigten Herzinfarkt‘."

Lebensritter: Wann kam das Thema Transplantation zur Sprache?


Michael Kuse: Durch die Herzinfarkte war mein Herz so schwer geschädigt, dass die Ärzte im Herz- und Diabeteszentrum in Bad Oeynhausen mir Ende 2017 erklärten, dass ich ohne Transplantation keine Überlebenschance hätte. Auf die Transplantationsliste kam ich aber noch nicht, dafür ging es mir einfach noch nicht schlecht genug. Ich habe megateure Medikamente bekommen, da kostet eine Dosis 900 Euro. Im April 2018 wurde ich dann HU-gelistet, stand also auf der Transplantationsliste hoch dringlich und durfte das Krankenhaus nicht mehr verlassen.

Lebensritter: Wie haben Sie die Wartezeit im Krankenhaus erlebt?


Michael Kuse: Ich konnte mich nicht alleine waschen, konnte kaum laufen, alles war ein Kraftakt. Ich lag in meinem Bett, überall Geräte, immer war das Licht an und die Tür offen. Angst hatte ich aber nicht, ich war eher hoffnungsvoll, ich bin ja schon immer ein optimistischer Mensch gewesen. Die Ärzte sagten mir, es würde maximal ein halbes Jahr dauern, bis ich ein neues Herz bekäme. Im Krankenhaus habe ich Sven Krechting kennengelernt, der mittlerweile schon mit seinem dritten Herzen lebt. Wir waren schon länger auf Facebook befreundet und als ich dann auf der Station lag, hat er mich persönlich besucht. Wir haben direkt Pläne geschmiedet, denn wir möchten unsere Geschichten größer machen und so versuchen, anderen zu helfen. Ansonsten habe ich mich beschäftigt: Patientenverfügung gemacht, Testament aufgesetzt, Musik gehört, Fotos bearbeitet – ich hatte ja Zeit.

Lebensritter: Wann wurde Ihnen ein neues Herz eingesetzt?


Michael Kuse: Am Samstag, den 2. Juni 2018, um 14.30 Uhr, am offiziellen Tag der Organspende! Der Transplantationsbeauftragte kam in mein Zimmer und meinte: „Heute ist Tag der Organspende – für Sie übrigens auch!“ Es hat ein bisschen gedauert, bis ich das verstanden habe … Es gab dann eine Bilderbuch-Operation über fünf Stunden. Alles hat wie am Schnürchen geklappt. Ich bin aufgewacht, na ja, so halbwegs. Meine Familie stand um mich herum, alle hatten Kittel und Mundschutz an. Ich habe mich gefragt, warum die eigentlich keine Namensschilder tragen, damit ich sie auseinanderhalten kann, die sahen doch alle gleich aus, auch mit den Hauben auf. Dann bin ich wohl wieder weggedämmert. Meine Tochter hat mir später erzählt, dass ich, nachdem der Beatmungsschlauch gezogen worden war, als Erstes gesagt habe: „Jetzt ist jemand anderes gestorben.“ Davon weiß ich aber nichts mehr. Dieser Gedanke ist wahrscheinlich die ganze Zeit in meinem Kopf umhergewandert, seit man mir gesagt hat, dass ich ein Spenderorgan bekomme. Als ich dann „richtig“ wach war, habe ich realisiert, dass ich ein neues Herz habe. Aber dieser Gedanke war schnell weg. Das Herz hat sich direkt angefühlt wie meins. Kein Gefühl eines Fremdkörpers oder so.

'Als ich dann ‚richtig‘ wach war, habe ich realisiert, dass ich ein neues Herz habe. Aber dieser Gedanke war schnell weg. Das Herz hat sich direkt angefühlt wie meins.'
"Als ich dann ‚richtig‘ wach war, habe ich realisiert, dass ich ein neues Herz habe. Aber dieser Gedanke war schnell weg. Das Herz hat sich direkt angefühlt wie meins."

Lebensritter: Organspenden sind anonym, das heißt, Sie wissen nicht, von wem das Organ stammt. Würden Sie es gerne wissen?


Michael Kuse: Ich bin mir nicht sicher. Eigentlich nein. Ich weiß auch gar nicht, ob die Angehörigen des Verstorbenen so etwas möchten. Und wie lebt man dann damit? Fühlt man die Verpflichtung, die Angehörigen des Spenders regelmäßig zu besuchen? Blumen zu schicken? Irgendwie würde ich es aber auch gerne wissen – aber ich würde nie Kontakt zur Familie aufnehmen.

Lebensritter: Wie sieht Ihr Leben jetzt aus?


Michael Kuse: Ich gehe mittlerweile wieder in meiner alten Firma arbeiten. Die Krankheit und die Organspende haben unsere Familie noch enger zusammengeschweißt, es ist noch harmonischer geworden. Wir leben ja alle unter einem Dach: mein Mann, meine Kinder, meine Ex-Frau – so eine Konstellation gibt es nicht oft, funktioniert aber sehr gut. Ich habe im August 2018 den Verein „Organspende Sundern“ gegründet, um über Organspende informieren zu können und Spenden zu sammeln. Und die ganze Familie macht mit: Mein Mann ist Beisitzer, meine Ex-Frau Schatzmeisterin, meine Tochter Protokollführerin, ihr Partner Beisitzer, mein Sohn Beisitzer und seine Partnerin 2. Vorsitzende. Wir wollen über die Bedeutung von Organspendeausweisen aufklären und Projekte unterstützen. Wir engagieren uns ehrenamtlich auf Veranstaltungen und bieten Informationsmaterial für Schulen und Unternehmen an. Bisher konnten wir dem Kinderherzzentrum Oeynhausen und dem Kinder- und Jugendhospiz Balthasar spenden. Spenden macht Spaß!

'Bisher konnten wir dem Kinderherzzentrum Oeynhausen und dem Kinder- und Jugendhospiz Balthasar spenden. Spenden macht Spaß!'
"Bisher konnten wir dem Kinderherzzentrum Oeynhausen und dem Kinder- und Jugendhospiz Balthasar spenden. Spenden macht Spaß!"

Lebensritter: Wie gehen Sie nach Ihren Erfahrungen damit um, wenn jemand Organspende ablehnt?


Michael Kuse: Wenn jemand nicht spenden möchte, muss ich das akzeptieren. Außerdem kann man bei manchen Argumenten einfach nicht diskutieren. Wenn jemand sagt, er möchte „im Ganzen“ beerdigt werden – was soll man dazu noch sagen? Bei fast allen, mit denen ich spreche, ist aber der Tenor: Natürlich würde ich meine Organe spenden, das ist doch selbstverständlich. Nur leider haben die nicht alle einen Organspendeausweis ausgefüllt.

Lebensritter: Was raten Sie Menschen, die auf ein Spenderorgan warten?


Michael Kuse: Niemals aufgeben, nicht die Hoffnung und auch nicht den Humor verlieren. Verkürzt die Wartezeit, beschäftigt euch! Ich habe über 20.000 Familienfotos abfotografiert und bearbeitet. Meine Familie musste die ganzen Fotoalben ins Krankenhaus schleppen. Online-Shopping ist auch eine prima Ablenkung – und man kann sogar ins Krankenhaus liefern lassen! Ich habe viele Pläne gemacht, zum Beispiel den Verein zu gründen … Es gibt so vieles, was man tun kann – nicht nur für sich, sondern auch für andere.

   

Organspende Sundern e.V. ist auf Facebook zu erreichen.

Michael Kuse mit Tochter Lisa: 'Niemals aufgeben, nicht die Hoffnung und auch nicht den Humor verlieren.'
Michael Kuse mit Tochter Lisa: "Niemals aufgeben, nicht die Hoffnung und auch nicht den Humor verlieren."

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