Menschen

Ganz schön jeck – mit Spenderlunge aufs Siegertreppchen

Dr. Fabian Kreutzer wurde am 11.11.1981 geboren und hat bei den World Transplant Games 2017 in Málaga die Bronzemedaille im 5.000-Meter-Gehen gewonnen. Mit einer neuen Lunge. Wir haben mit ihm gesprochen – über Sport, über Organspende und über Karneval.

Lebensritter: Herr Kreutzer, warum brauchten Sie eine neue Lunge?


Dr. Fabian Kreutzer: Als ich ein Jahr alt war, wurde bei mir Mukoviszidose diagnostiziert, eine Erbkrankheit, bei der in vielen Organen ein zäher Schleim produziert wird. Gerade in der Lunge bietet dieser Schleim einen Nährboden für Bakterien, die Entzündungen verursachen und dadurch langfristig das Lungengewebe zerstören. Seit ich denken kann, musste ich immer inhalieren, um das Schleim-Problem in den Griff zu kriegen: morgens, mittags und abends, immer jeweils eine Stunde. Zusätzlich musste ich natürlich noch Medikamente einnehmen. In der 12. Klasse hatte ich dann einen Einbruch, mir ging’s immer schlechter. Sechs Wochen vor den großen Ferien musste ich dann in die Reha nach Belgien und da bin ich dann auch die ganzen Sommerferien geblieben. In der 13. Klasse war ich halbwegs fit und habe nach dem Abi in Bonn das Studium der Nordamerika-Wissenschaften aufgenommen. Das musste ich aber leider wieder abbrechen. Ab 1998 verschlechterte sich mein Zustand zusehends, ich hätte vielleicht nur noch ein paar Monate gehabt, deshalb war eine Transplantation dringend notwendig. 2004 habe ich zum Glück ein Spenderorgan erhalten.

'Ab 1998 verschlechterte sich mein Zustand zusehends, ich hätte vielleicht nur noch ein paar Monate gehabt, deshalb war eine Transplantation dringend notwendig. 2004 habe ich zum Glück ein Spenderorgan erhalten. '
"Ab 1998 verschlechterte sich mein Zustand zusehends, ich hätte vielleicht nur noch ein paar Monate gehabt, deshalb war eine Transplantation dringend notwendig. 2004 habe ich zum Glück ein Spenderorgan erhalten. "

Lebensritter: Und mit dieser neuen Lunge haben Sie eine Bronzemedaille gewonnen. Auf den ersten Blick scheinen Organspende und Leistungssport nicht miteinander vereinbar zu sein ...


Dr. Fabian Kreutzer: Das ist gar nicht so ungewöhnlich. Ich habe mit sechs Jahren angefangen zu joggen. Die körperliche Betätigung hat mir gutgetan und auch Spaß gemacht. Sport verbessert die körperliche Leistungsfähigkeit und die Lungenfunktion. Mit acht Jahren bin ich dann in den Leichtathletikverein hier in Büderich gegangen. Ich habe alles gemacht, alle Sportarten mal ausprobiert, bin dann aber bei der Disziplin Gehen hängengeblieben – natürlich beeinflusst durch meinen Trainer, der ein richtiger „Geh-Guru“ war. Manfred Claes heißt er und ist jetzt 82 Jahre alt. Ab und zu treffe ich ihn noch, dann plaudern wir über alte Zeiten. Ich habe an den Westdeutschen Meisterschaften teilgenommen und war auch Vizemeister Nordrhein. Vor der Transplantation war es so, dass meine Eltern zeitweise mit einem Sauerstoffgerät neben mir herlaufen mussten, wenn ich gejoggt bin.

Lebensritter: Zu den World Transplant Games treffen sich alle zwei Jahre mehr als 1.000 Transplantierte aus über 50 Ländern – wie ist das, an so einem Wettbewerb teilzunehmen und auch noch eine Medaille zu gewinnen?


Dr. Fabian Kreutzer: Das ist schon unglaublich. Zumal wir Transplantierten ja alle zusammen starten, nur nach Altersklassen getrennt. Das heißt, ich bin zusammen mit Nieren- und Lebertransplantierten gestartet und bin trotzdem aufs Treppchen gekommen. Was mich riesig gefreut hat – neben meinem dritten Platz – ist, dass der vierte Platz an einen Österreicher ging, der ebenfalls lungentransplantiert ist. Überhaupt sind diese Weltspiele ein wunderbares Erlebnis. Man kommt mit so vielen Menschen aus verschiedenen Ländern zusammen, kann sich austauschen und Kontakte schließen. Und es bringt natürlich auch das Thema Organspende in die Öffentlichkeit. Nach meinem Sieg in Málaga haben mich sogar Leute auf meiner Laufstrecke und beim Bäcker angesprochen – und so kommt man ins Gespräch und kann bei dem einen oder anderen vielleicht etwas bewirken, einen Denkprozess in Gang setzen, der im besten Fall dazu führt, dass ein Organspendeausweis ausgefüllt wird.

'Nach meinem Sieg in Málaga haben mich sogar Leute auf meiner Laufstrecke und beim Bäcker angesprochen.'
"Nach meinem Sieg in Málaga haben mich sogar Leute auf meiner Laufstrecke und beim Bäcker angesprochen."

Lebensritter: Geht man in anderen Ländern anders mit dem Thema Organspende um?


Dr. Fabian Kreutzer: Ja, auf jeden Fall. Wenn ich von Deutschland erzähle, sind viele sehr verwundert. Es ist schon bemerkenswert, dass in keinem anderen Land der Welt die Skepsis gegenüber Organspende so hoch ist wie bei uns. Als ich zum Beispiel in Málaga den anderen Athleten von der Situation hier berichtet habe, haben die nur erstaunt den Kopf geschüttelt und wollten das gar nicht glauben. Die meisten Menschen bei uns haben, meine ich, Angst, so nach dem Motto: Vielleicht bin ich ja noch gar nicht richtig tot, wenn die Ärzte meine Organe entnehmen. Der zurückliegende Organskandal verschärft das Problem natürlich noch. Dazu kommt, dass viele Krankenhäuser gar nicht explantieren, es gibt keinen wirklichen Anreiz. Das funktioniert in anderen Ländern besser, da gibt es zum Beispiel finanzielle Unterstützung für die Kliniken. Auch eine Widerspruchslösung [Anm. Lebensritter: Jeder ist Organspender, solange er sich nicht aktiv dagegen ausspricht. Bei uns in Deutschland gilt die Entscheidungslösung: eine Organspende ist nur zulässig, wenn eine Zustimmung, zum Beispiel in Form eines Organspendeausweises, vorliegt.] wie in anderen Ländern wäre besser, aber ich glaube nicht, dass das bei uns in absehbarer Zukunft kommt. Politisch kriegen wir das nicht durch. Bei der Mehrzahl der Menschen ist die Bereitschaft zur Organspende ja da, sie kümmern sich nur nicht drum. Junge Leute sind aufgeschlossener, ältere Menschen sind skeptischer, das erlebe ich auch an der Uni. Ich bringe immer Organspendeausweise mit, und die sind ruckzuck weg. Meine Kollegen haben mittlerweile alle einen.

Lebensritter: Sie arbeiten als Dozent für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Niederrhein – wissen Ihre Kollegen und Studenten von der Transplantation?


Dr. Fabian Kreutzer: Natürlich. Das müssen sie auch, denn ich muss ja vorsichtig sein. Wenn jemand krank ist, setze ich meinen Mundschutz auf, damit ich mich vor Infektionen schützen kann. In den Vorlesungen sage ich meinen Studenten zu Beginn des Semesters, dass ich transplantiert bin, und bitte jeden mit Erkältung, sich ein paar Reihen nach hinten zu setzen. Das klappt auch bestens.

Lebensritter: Tragen Sie häufig einen Mundschutz?


Dr. Fabian Kreutzer: Den Mundschutz trage ich nicht immer, aber bei bestimmten Anlässen schon. Zum Beispiel im Stadion bei Fortuna. Da muss ich auf Nummer sicher gehen – ich kann ja nicht jeden einzelnen Fußballfan fragen, ob er erkältet ist! Auch in öffentlichen Verkehrsmitteln trage ich meinen Mundschutz, besonders in der Erkältungszeit. Das Kuriose dabei ist: Wenn ich meinen Mundschutz trage, denken die meisten Leute, ich wäre krank und setzen sich in der Bahn weit weg von mir.

Lebensritter: Sie haben am 11.11. Geburtstag – sind Sie eigentlich ein Karnevalsjeck?


Dr. Fabian Kreutzer: Nein, das ist mir zu anstrengend. Und zu gefährlich mit dem ganzen Gebütze, das kann ich nicht genießen. Außerdem macht es auf Dauer keinen Spaß, sich immer nur als Arzt mit Mundschutz zu verkleiden ...

Dr. Fabian Kreutzer mit Lebensritterlogo in seinem Garten.
Dr. Fabian Kreutzer mit Lebensritterlogo in seinem Garten.

Sind Sie auch ein Lebensritter und haben eine Geschichte zum Thema Organspende zu erzählen?


Kontaktieren Sie uns entweder direkt unter kontakt@lebensritter.de oder verfassen Sie hier Ihre Nachricht an uns.

Vorsicht!

Sie nutzen einen alten Browser!
Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser um diese Seite anzuzeigen.