Menschen

Ein Dickkopf auf dem Jbel Toubkal

Michael Raser, 35, lebt mit einer neuen Lunge. Die Organspende hat sein Überleben ermöglicht und treibt ihn jetzt zu Höchstleistungen an. Im Sommer 2015 wurde er operiert, im September 2019 bestieg er den höchsten Berg Marokkos – den Jbel Toubkal im Atlasgebirge. Eine einzigartige Erfahrung, von der auch andere Menschen profitieren können.

Lebensritter: Herr Raser, wie kommt man als Lungentransplantierter darauf, einen Berg zu besteigen? 

 

Michael Raser: Das war eine medizinische Exkursion. Meine Ärztin rief an und fragte: „Hast du Lust, nach Marokko zu fahren und auf einen Berg zu steigen?“ Ich habe keine Sekunde überlegt und sofort zugesagt. Am 1. September 2019 sind wir los, am 8. zurück. Erst haben wir uns Marrakesch angeschaut, dann ins Hotel und am nächsten Tag los, erst mal rauf auf 1.300 Meter.

'Ich habe keine Sekunde überlegt und sofort zugesagt.'
"Ich habe keine Sekunde überlegt und sofort zugesagt."

Lebensritter: Wer hat Sie begleitet? 

 

Michael Raser: Wir waren 16 Lungentransplantierte aus sechs Ländern und 36 Ärzte, Wissenschaftler und Pflegekräfte von der Universitätsmedizin Essen, der Semmelweis-Universität Budapest und der Medizinischen Universität Wien, die die Tour organisierte. Mein Transplanteur war übrigens auch mit dabei. Unterwegs wurden viele Tests gemacht: Blutwerte, Lungenfunktionstests, Schlaflabor und Geh-Tests auf 3.400 Metern Höhe, bei denen die Zeit gemessen wurde, die man für eine bestimmte Strecke braucht. Am Gipfel wollten wir eigentlich auch nochmal die Blutwerte testen, aber die Geräte haben versagt, es war zu kalt da oben.

Lebensritter: Wie kann man sich eine Woche Bergsteigen in Marokko vorstellen? 

 

Michael Raser: Die Luft wird oben immer dünner, das merkt man deutlich. Es war sehr anstrengend, manchmal wirklich grenzwertig. Zeitweise habe ich mir gewünscht, ich hätte noch mehr Sport gemacht. Ich hatte mein Sportprogramm schon hochgeschraubt, denn vor der Reise mussten wir einen Fitnesstest absolvieren und meiner fiel nicht so gut aus. Deshalb habe ich mehr trainiert: mehr Ergometer, mehr Hantelübungen – denn wenn ich etwas mache, dann will ich es auch richtig machen! Wäre ja blöd, wenn ich die Bergbesteigung hätte abbrechen müssen. 


Aufgestanden wurde so gegen zwei Uhr morgens – das musste sein, sonst hätten wir die Strecken nicht geschafft. Je nach Steigung sind wir täglich 8,23 bis 17,43 Kilometer gelaufen, sechs bis acht Stunden und bis auf 4.167 Meter hoch. Da konnte man nur noch Trippelschritte machen. Übernachtet haben wir in Zelten. Die brauchten wir zum Glück nicht selbst zu tragen. Wir hatten nur unser Tagesgepäck im Rucksack dabei: Essen, Trinken, zusätzliche Kleidung für Wetterwechsel – in der Sonne war es ganz schön warm, im Schatten extrem kalt und plötzliche Wetterwechsel gab es auch. Die Ausrüstung wurde von Maultieren hochgetragen. 


Es war sehr meditativ auf dem Berg. Wenn man hochgeht, schaut man auf den Boden, um einen sicheren Weg zu finden, es ist ja alles voller loser Steine und Geröll, man konzentriert sich extrem auf seine Schritte. Wir waren dann froh, wenn wir im Lager angekommen sind. Und das Beste war wirklich, sich erst mal hinzusetzen, sich die Schuhe auszuziehen und etwas zu essen.

'Je nach Steigung sind wir täglich 8,23 bis 17,43 Kilometer gelaufen, sechs bis acht Stunden und bis auf 4.167 Meter hoch.'
"Je nach Steigung sind wir täglich 8,23 bis 17,43 Kilometer gelaufen, sechs bis acht Stunden und bis auf 4.167 Meter hoch."

Lebensritter: Was hat Sie am meisten beeindruckt? 

 

Michael Raser: Oben auf dem Gipfel hatten wir einen Ausblick, der einfach unglaublich war. Tolles Wetter, Sonne, klarer Himmel, man konnte unglaublich weit gucken – das war das Schönste, was ich bisher in meinem Leben gesehen habe.

Lebensritter: Gab’s Probleme? 

 

Michael Raser: Mein Knie – eine alte Sportverletzung. Das haben wir aber schnell in den Griff gekriegt. Eine Frau hat aufgegeben, ein Arzt musste aufhören, weil er sich verletzt hat.

Lebensritter: Gibt es Ergebnisse? 

 

Michael Raser: Interessant war, dass die Lungentransplantierten besser mit der dünnen Höhenluft zurechtkommen als Leute ohne Lungenprobleme.

Lebensritter: Warum brauchten Sie überhaupt eine neue Lunge? 

 

Michael Raser: Ich leide an Mukoviszidose, meine Lunge war besonders betroffen.
Meine Eltern bekamen die Diagnose, als ich ein halbes Jahr alt war. Aber ich bin eigentlich ganz gut damit zurechtgekommen. Klar, ich hatte in der Schule natürlich öfter Fehlzeiten wegen meiner Krankheit, bin hier und da auch angeeckt, weil ich meinen Willen durchsetzen wollte, da bin ich ein echter Dickkopf. Ich habe 13 Jahre lang Basketball gespielt und war auch richtig gut, ich bin sogar von Zeitungen interviewt worden. Nach der Schule habe ich eine Ausbildung zum Koch gemacht, in mehreren Restaurants gearbeitet, auch auf einem Golfplatz in der Gastro. 


Aber irgendwann ging das nicht mehr – ich war häufig erkältet und es wurde auch körperlich zu anstrengend. Ich habe dann zum Programmierer umgeschult, konnte in dem Job aber nicht arbeiten. 2015 wog ich nur noch 46 Kilo, meine Lungenkapazität betrug 15–20 %. Ich stand vor der Entscheidung: Will ich eine neue Lunge oder nicht? Will ich leben oder nicht?

Lebensritter: Wie ist das Leben mit Mukoviszidose? 

 

Michael Raser: Schwierig. Zum Beispiel schlafen: Manchmal konnte ich nur in einer extremen Embryonalstellung schlafen, also Beine an den Bauch gezogen, Rücken gekrümmt, Hände an der Stirn … die einzige Stellung, in der ich halbwegs Luft bekommen habe. Tagsüber atmet man sehr viel und sehr schnell, dadurch kommt es häufig zu einem Herzfehler wegen Überlastung. Alles ist anstrengend, deshalb geht man selten raus – jeder Tag ist dadurch gleich, es passiert ja nichts. Wenn ich mal rausgegangen bin, musste ich einen Rucksack mit Sauerstoffflasche tragen. Das hatte im Sommer aber auch seine guten Seiten: Der Sauerstoff ist ja flüssig und dadurch schön kalt. Und wenn man Getränke in den Sauerstoff-Rucksack packt, werden die perfekt gekühlt!

'Alles ist anstrengend, deshalb geht man selten raus – jeder Tag ist dadurch gleich, es passiert ja nichts.'
"Alles ist anstrengend, deshalb geht man selten raus – jeder Tag ist dadurch gleich, es passiert ja nichts."

Lebensritter: Mussten Sie lange auf ein Spenderorgan warten? 

 

Michael Raser: Nein, gar nicht. Donnerstag bin ich auf die Liste gekommen und Samstag gab es schon eine Lunge für mich. Ich habe Blutgruppe B negativ, das ist sehr selten, vielleicht hatte ich deshalb Glück. Das ging echt schnell, fast schon zu schnell. Ich wollte ja eigentlich noch vor meiner Transplantation eine Party mit meinen Freunden machen – nicht direkt eine Abschiedsparty, aber man weiß ja nie, so eine OP kann ja auch schiefgehen …

Lebensritter: Wie verlief die Transplantation? 

 

Michael Raser: Die Operation selbst hat gut geklappt, aber dann hat mich alles erwischt: Schweinegrippe, Blasenkatheter zu, Herzstillstand, schizophrener Schub – ich dachte, alle wollen mich umbringen. Das war echt gruselig.

Lebensritter: Wann haben Sie das erste Mal ganz bewusst tief eingeatmet? 

 

Michael Raser: Nach der Operation sagte der Arzt: „Versuchen Sie mal, zu atmen.“ Man ist noch an die Beatmungsmaschine angeschlossen und die wird dann schrittweise runtergestellt, bis man ganz ohne Hilfe atmet. Das fühlte sich bei mir ganz schwach und jämmerlich an. Dieses richtige tiefe Durchatmen oder Aufatmen hatte ich nach der Operation nicht. Das habe ich jetzt ab und zu, bei positiven Erfahrungen, wenn mir bewusst wird, was ich jetzt alles allein schaffen kann: Treppen steigen, Lebensmittel einkaufen, leben! Das neue Organ ist ein neuer Abschnitt für mich.


Um das zu dokumentieren, habe ich mir eine Lunge auf den Unterarm tätowieren lassen. Das ist mein erstes Tattoo nach der OP und es wird mein letztes sein, die Infektionsgefahr ist einfach zu groß. Ich habe ja schon einige Tattoos und wollte eigentlich meinen ganzen Körper tätowieren lassen, aber das geht jetzt nicht mehr. Schon die Lunge war ein Risiko, aber da kam mein Dickkopf wieder durch. Das Tattoo ist jedoch ein sehr wichtiges Zeichen für mich. Genauso wie „Mukoviszidose 4ever sick“, das steht auf meinem Bauch.

'Das Tattoo ist jedoch ein sehr wichtiges Zeichen für mich.'
"Das Tattoo ist jedoch ein sehr wichtiges Zeichen für mich."

Lebensritter: Okay, in Zukunft keine Tattoos mehr – und wie sieht es mit Bergbesteigungen aus? 

 

Michael Raser: Im Juni ist eine 3-Tage-Tour durch Österreich geplant. Diesmal geht es aber nur rauf auf 2.400 Meter …

Lebensritter: Dann wünschen wir Ihnen weiterhin alles Gute und bedanken uns herzlich für Ihre Zeit. 


Weitere Einblicke in die Tour liefert auch die Sendung Sat.1-Frühstücksfernsehen. 


[Anmerkung Lebensritter: Zum Zeitpunkt des Interviews galten sämtliche von der Bundesregierung beschlossenen Maßnahmen (wie z.B. Kontaktsperre oder Reisewarnung) im Zusammenhang mit dem neuartigen Coronavirus noch nicht.]


'Das neue Organ ist ein neuer Abschnitt für mich.'
"Das neue Organ ist ein neuer Abschnitt für mich."

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