Menschen

Aber da hatte meine Niere leider andere Pläne!

Tatjana Kordic erhielt mit 13 Jahren eine Spenderniere von ihrer Mutter. Jetzt benötigt sie eine neue. Wir haben sie interviewt.

Lebensritter: „Vor etwas mehr als drei Jahren hast du deinen Blog ‚Lebensader‘ gestartet. Wie ist die Idee dafür entstanden?“

Tatjana: „Ich schreibe gerne und wollte zudem über mein Leben, meine Nierenerkrankung, aber auch mein ehrenamtliches Engagement berichten. Außerdem ist es für mich eine Möglichkeit, auf das Thema Organspende aufmerksam zu machen.“

'Ich bin zwar erwerbslos, aber garantiert nicht arbeitslos. Ich engagiere mich stark, um die Welt mit meinen Möglichkeiten ein kleines Stückchen besser zu machen.' (Foto: Moritz Pieper)
"Ich bin zwar erwerbslos, aber garantiert nicht arbeitslos. Ich engagiere mich stark, um die Welt mit meinen Möglichkeiten ein kleines Stückchen besser zu machen." (Foto: Moritz Pieper)

Lebensritter: „Wie ist die allgemeine Resonanz dazu? Lesen beispielsweise deine Familie, Freunde und Bekannte deinen Blog?“

 

Tatjana: „Ich habe meine Erkrankung im privaten Umfeld nicht so sehr thematisiert. Mit der Zeit habe ich dann vor allem kurze Bewertungen zur Dialyse und zu verschiedenen Dialysezentren abgegeben, da ich so einen Service noch nicht im Internet gefunden habe. Hotels bewerten kann ja schließlich jeder.

Allerdings kamen erst, als ich über mein politisches Engagement bei Facebook berichtet habe, Rückmeldungen aus meinem Familien- und Bekanntenkreis. Als ich dann vor kurzem über ‚den‘ Anruf [Anmerkung der Redaktion: Anruf des Transplantationszentrums Münster, dass eine potentielle Spenderniere verfügbar ist, die dann aber doch nicht transplantiert werden konnte] auf meinem Blog geschrieben habe, gab es natürlich weitaus mehr Resonanz, da einige mit mir mitgefiebert haben.“

Lebensritter: „Wie hast du rückblickend die Nachricht verkraftet, dass die Spenderniere deiner Mutter nach 13 Jahren nicht mehr optimal durchblutet wurde und du dadurch auf eine neue Spenderniere angewiesen bist?“

 

Tatjana: „Mir war von vornherein klar, dass die Niere nicht für immer halten wird, jedoch hatte ich gehofft, es ginge noch ein paar Jahre gut. Zumindest bis nach meinem Tourismusmanagementstudium. Aber da hatte meine Niere leider andere Pläne. Im vorletzten Semester meines Studiums ging es wieder mit der Dialyse los. Zum Glück musste ich nur noch meine Thesis verfassen und hatte kaum noch Präsenzveranstaltungen. Da mir klar war, dass ich irgendwann wieder an die Dialyse muss, habe ich auch nicht meinen Shunt [Anmerkung der Redaktion: künstliche Verbindung zwischen zwei Gefäßen] zurücklegen lassen. Ich habe mir gesagt: ‚Wenn ich wieder zur Dialyse muss und der Shunt läuft noch, wird er benutzt. Ist er bis dahin zu, dann wird ein neuer gelegt!‘ Als vor knapp drei Jahren die Ärzte versuchten, mir behutsam beizubringen, dass ich wohl wieder zur Dialyse muss, zeigte ich nur auf meinen Shunt und meinte: ‚Den nutzen wir wieder. Der läuft noch!‘ Mittlerweile ist er 16 Jahre alt und ich bin froh, ihn zu haben.“

Lebensritter: „Wie war die Zeit, als deine Niere noch problemlos funktionierte?“

 

Tatjana: „Ich bin ein sehr spontaner Mensch und stets in Deutschland und Europa rumgereist, um Freunde zu besuchen oder mit ihnen unterwegs zu sein. Auch war ich auf vielen Festivals, wo es hieß, drei bis fünf Tage lang zelten auf Feldern mit vielen Leuten und geile Bands sehen. Das ist nun so spontan alles nicht mehr möglich.“

„Auch war ich auf vielen Festivals, wo es hieß, drei bis fünf Tage lang zelten auf Feldern mit vielen Leuten und geile Bands sehen. Das ist nun so spontan alles nicht mehr möglich.“
„Auch war ich auf vielen Festivals, wo es hieß, drei bis fünf Tage lang zelten auf Feldern mit vielen Leuten und geile Bands sehen. Das ist nun so spontan alles nicht mehr möglich.“

Lebensritter: „Du wartest nun seit knapp drei Jahren auf eine Spenderniere und musst deshalb wieder zur Dialyse. Inwieweit bist du dadurch in deinem Leben eingeschränkt und wie versuchst du, die ‚Wartezeit‘ zu meistern?“

 

Tatjana: „Ich ‚teste‘ zur Zeit Deutschlands Dialysen und im nächsten Jahr ist entweder Kroatien oder Portugal geplant. Ich besuche im Moment nur noch Festivals, die in der Nähe sind. Wo man nach dem letzten Konzert nach Hause fahren kann und am nächsten Mittag wieder hinfährt. Zudem bin ich körperlich nicht mehr so belastbar wie früher, das nervt mich. Dementsprechend bin ich nur eingeschränkt arbeitsfähig, aber wenn es nicht geht, geht es eben nicht. Das wird hoffentlich wieder anders, wenn ich transplantiert bin. Sonst hätte ich mir ja die gute Ausbildung und das Studium sparen können.“

Lebensritter: „Haben sich deine Prioritäten dadurch verändert? Versuchst du, bewusster irgendwelche Dinge zu tun?“

 

Tatjana: „Durch die Dialyse bin ich wieder in meinem Heimatort, davor war ich sehr lange durch Internat und Studium von meiner Familie getrennt. Der Plan war eigentlich, nach dem Studium irgendwo in Deutschland bei einer renommierten Messegesellschaft durchzustarten. Jetzt kann ich stattdessen endlich mehr Zeit mit meiner Familie verbringen. Ich habe hier die Liebe meines Lebens kennengelernt. Da liegen meine Prioritäten. Ich bin zwar erwerbslos, aber garantiert nicht arbeitslos. Ich engagiere mich stark, um die Welt mit meinen Möglichkeiten ein kleines Stückchen besser zu machen. Ich bin vor allem politisch engagiert. Zudem bin ich die Koordinatorin der Arbeitsgruppe für Inklusion in meiner Partei. Aufgrund meiner Blindheit liegt mir das Thema besonders am Herzen. Zudem engagiere ich mich auch für Flüchtlinge.“

Lebensritter: „Wie versuchst du, Menschen zu animieren, sich für einen Organspende-Ausweis zu entscheiden?“

 

Tatjana: „Ich habe immer Organspende-Ausweise dabei und wenn ich irgendwo Gesprächsfetzen aufschnappe, klinke ich mich ein. An den Infoständen meiner politischen Arbeit kommt man mit vielen Menschen ins Gespräch. Dort wird dann auch schon mal der ein oder andere Ausweis ausgefüllt. Mir ist wichtig, dass die Menschen eine Entscheidung treffen. Ich selbst habe auch einen Organspende-Ausweis. Ärzte sollen nach meinem Tod entscheiden, ob man von mir noch etwas weiterverwerten kann. Ich möchte nicht, dass nach meinem Tod Angehörige über das weitere Vorgehen entscheiden müssen. Ich möchte, dass sie in Ruhe und mit der Gewissheit, das Richtige zu tun, trauern können. Deshalb: Die Entscheidung ist wichtig. Natürlich freue ich mich über jeden, der bereit ist, seine Organe zu spenden. Wenn sich jemand dazu entscheidet, dies nicht zu tun, wissen wenigstens Ärzte und Angehörige sofort, was der letzte Wille des Verstorbenen ist.“

Lebensritter: „Hast du ein Lebensmotto?“

 

Tatjana: „Wer nie vom Weg abkommt, bleibt auf der Strecke.“

 

Mehr über Tatjana Kordic erfahren Sie auf Ihrem Blog Lebensader.

Sind Sie auch ein Lebensritter und haben eine Geschichte zum Thema Organspende zu erzählen?


Kontaktieren Sie uns entweder direkt unter kontakt@lebensritter.de oder verfassen Sie hier Ihre Nachricht an uns.

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