Fundstücke

„Ich habe noch nie aufgegeben und werde es auch jetzt nicht tun!“

Es gibt sie, diese Erfolgsgeschichten von Menschen, die das Glück hatten, rechtzeitig ein Spenderorgan zu erhalten. Aber wie sieht eigentlich die Zeit davor aus? Andreas wartet mittlerweile seit dreieinhalb Jahren auf ein Spenderherz. Auf der Warteliste steht er nicht grundlos, sein Herz ist krank. Mit 12 Jahren war er bereits auf einen Herzschrittmacher angewiesen.


Wie das Leben mit einer Herzerkrankung aussieht und woher Lebensritter Andreas die Kraft nimmt, immer weiterzumachen, verrät er im Interview.

Lebensritter: Sie leiden unter einem angeborenen Herzfehler. Wie erging es Ihnen damit in Ihrer Kindheit und Jugend?


Andreas Gässler: Meine Kindheit verlief eigentlich normal, ich konnte quasi alles machen und wurde von meinen Eltern zum Glück nicht in Watte gepackt. Ich habe am Schulsport teilgenommen und im Verein Fußball und Faustball gespielt. Auch in meiner Jugend führte ich noch ein ganz normales Leben. Faustball spielte ich noch bis zu meinem 23. Lebensjahr.

'Meine Kindheit verlief eigentlich normal, ich konnte quasi alles machen und wurde von meinen Eltern zum Glück nicht in Watte gepackt.'
"Meine Kindheit verlief eigentlich normal, ich konnte quasi alles machen und wurde von meinen Eltern zum Glück nicht in Watte gepackt."

Lebensritter: Mit 12 Jahren wurde Ihnen ein Herzschrittmacher eingesetzt. Wie war das für Sie als Kind?


Andreas Gässler: Der erste Schrittmacher als Kind war schon ein kleiner Schock, den ich erstmal verarbeiten musste. Ich dachte, Herzschrittmacher bekommen doch nur alte Menschen. [Anmerkung Lebensritter: Ein Herzschrittmacher misst über elektrische Impulse den Herzschlag und gibt, wenn notwendig Impulse ab, z. B. wenn der Herzschlag zu langsam ist, so kommt das Herz wieder in den richtigen Takt.]

Lebensritter: 2010 benötigten Sie dann sogar einen Defibrillator. Wie war das für Sie?


Andreas Gässler: Der Defibrillator hat mich damals auch ziemlich beschäftigt. Ich fühlte mich eigentlich gut, obwohl ich zwei mal Herzflimmern hatte. Und ich befand mich gerade in einer neuen Beziehung. Ein Defi hörte sich für mich irgendwie schlimm an – schließlich bedeutete dies, dass mein Herz jeden Augenblick hätte stillstehen können. [Anmerkung Lebensritter: Ein Defibrillator, kurz Defi, gibt im Notfall einen oder mehrere Stromstöße ab, um Rhythmusstörungen zu beenden. Das Herz schlägt dann wieder normal.]


Ab diesem Alter häuften sich die „Zwischenfälle“ dann auch. Kurz vor meinem 30. Geburtstag bekam ich einen Schlaganfall, der mich total aus der Bahn warf. Meine Herzprobleme war ich ja fast gewohnt, dass nun aber auch eine neurologische Krankheit hinzukam, war ein richtiger Schock.

Lebensritter: Wie ging es dann weiter?


Andreas Gässler:  Ich bekam ein LVAD eingesetzt. [Anmerkung Lebensritter: Ein LVAD, ein Linksherzunterstützungssystem, ist eine mechanische Pumpe, die das Herz dabei unterstützt, das Blut durch den Körper zu transportieren.] Meine Belastbarkeit hatte stark nachgelassen, sodass ich auf flachen Strecken beim Spaziergang Pausen machen musste. So ist es zurzeit leider auch wieder.  


Eines Tages, während ich gerade Olympia schaute, wurde ich plötzlich ohnmächtig – ausgelöst von einer Rhythmusstörung.


Daraufhin musste ich in Tübingen zur Beobachtung stationär aufgenommen werden. Drei Tage später erlitt ich auf der Station einen Herzstillstand. Ich hatte im Grunde doppelt Glück: Erstens natürlich, weil ich mich gerade im Krankenhaus befand und zweitens, weil meine Mutter zu diesem Zeitpunkt zu Besuch war und ich nicht alleine im Zimmer lag. 90 Minuten musste ich reanimiert werden und lag anschließend neun Tage im Koma, bis mir dann am 27. Februar 2018 das LVAD implantiert wurde. 

'Meine Belastbarkeit hatte stark nachgelassen, sodass ich auf flachen Strecken beim Spaziergang Pausen machen musste.'
"Meine Belastbarkeit hatte stark nachgelassen, sodass ich auf flachen Strecken beim Spaziergang Pausen machen musste."

Lebensritter: Hat sich Ihr Zustand durch das LVAD verändert?

 

Andreas Gässler: Ich war danach erstmal wieder ziemlich down und wusste nicht, wie es weiter gehen sollte. Doch irgendwann spürte ich jeden Tag eine Verbesserung. In der Reha machte ich dann riesige Fortschritte.


Wieder zu Hause angekommen, ging es mir wirklich gut. Ich war sogar kurz darauf schon in Österreich wandern und fing wieder mit dem Training im Fitnessstudio an.

Aber so gut es sich anfangs angefühlt hatte, mit der Zeit wird man es doch leid, ständig die Akkus mitzuschleppen, seinen Tagesrhythmus nach der Akkulaufzeit zu planen und den Verband jeden zweiten Tag zu wechseln. Ich hatte zu dieser Zeit auch schon mehrfach Driveline-Infekte gehabt und musste Antibiotika nehmen. [Anmerkung Lebensritter: Die Driveline ist als Teil des LVAD das Verbindungskabel zwischen der implantierten Pumpe und den Batterien außerhalb des Körpers. Ein Driveline-Infekt, eine Infektion zwischen Verbindungskabel, Pumpe und den Batterien kann zu einer Blutvergiftung führen.]

'Ich war sogar kurz darauf schon in Österreich wandern und fing wieder mit dem Training im Fitnessstudio an.'
"Ich war sogar kurz darauf schon in Österreich wandern und fing wieder mit dem Training im Fitnessstudio an."

Lebensritter: Wann stand fest, dass Sie ein Spenderherz benötigen?

 

Andreas Gässler: Für mich war eine Transplantation zunächst noch unrealistisch, da es mir mit dem LVAD ja gut ging. Deshalb wollte ich mich erstmal nicht listen lassen, was im Nachhinein wahrscheinlich ein Fehler war – aus heutiger Sicht würde ich es sofort machen.


Erst als mir dann gesagt wurde, dass die Überlebenschancen nach einer Transplantation viel besser seien als mit einem LVAD, war für mich klar: Ich muss gelistet werden. Und so bekam ich einen Aufnahmetermin in Freiburg zur Diagnostik.

Lebensritter: Sie sind nun seit dreieinhalb Jahren auf der Warteliste. Wie sieht Ihr Alltag zurzeit aus und wie geht es Ihnen im Moment?

 

Andreas Gässler: Ich lebe alleine und bin derzeit leider sehr viel zuhause, auch ins Fitnessstudio kann ich nicht gehen. Ich stehe aber zum Glück in Kontakt zu meinen Eltern und meinem Bruder, wir treffen uns auch öfter.


Da ich für die Zeit bis zur Transplantation befristete Rente bekomme, habe ich mich dazu entschieden, eine Online-Ausbildung zum Sporttherapeuten zu machen. Ob daraus wirklich eine berufliche Zukunft entsteht, lasse ich offen, ich mache das eher aus Interesse.

Zum Glück habe ich einen sehr guten Arbeitgeber, der meinen Arbeitsvertrag für die Zeit meiner Berentung ruhen lässt, sodass ich nach meiner Transplantation wieder an meinen Arbeitsplatz in der Konstruktion als Maschinenbautechniker zurückkehren kann. Ich esse und koche sehr gerne, das ist eine sehr schöne Beschäftigung. Und ich bin glücklich, alleine leben zu können.

Lebensritter: Was schenkt Ihnen Kraft?

 

Andreas Gässler: Kraft gibt mir vor allem das Wissen, dass ich noch nie aufgegeben habe und es auch jetzt nicht tun werde. Mein größter Ansporn ist, dass ich irgendwann wieder richtig Sport machen kann – nochmal aktiv Faustball zu spielen wäre genial. Außerdem träume ich schon immer vom Bergsteigen im Himalaya und vom Heliboarding.

Lebensritter: Was wünschen Sie sich rund um das Thema Organspende in Deutschland?


Andreas Gässler: Wünschenswert wäre natürlich die Widerspruchslösung. Aber vermutlich wäre es schon hilfreich, wenn das Thema Organspende in der Öffentlichkeit stärker behandelt würde. Deshalb vielen Dank für Euer Engagement.

Mehr zu Andreas auf seinem Instagram-Account. 

#OrganspendeGeschichten

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