Menschen

„Das Thema Organspende ist explosionsartig in mein Leben hereinkatapultiert worden.“

Paul Föll hat sein Abi in der Tasche und will in diesem Jahr sein Studium beginnen. Sein Plan: in Innsbruck Medizin studieren. Warum gerade Österreich? Er lag dort lange auf der Intensivstation. Warum? Weil er eine neue Leber bekommen hat. Wie ist es dazu gekommen? Wir wollten mehr darüber wissen und haben ihn besucht.

Lebensritter: Fangen wir mal ganz von vorne an – warum mussten Sie transplantiert werden, was ist passiert?


Paul Föll: Ich hatte einen Skiunfall. Ich war mit Freunden in der letzten Dezemberwoche in Österreich. Bei einer Abfahrt habe ich die Kontrolle über einen Ski verloren und bin auf eine Beschneiungsmaschine gefallen, also auf eine Schneekanone. Dabei kam es zu einem Leberabriss.

Lebensritter: Haben Sie gespürt, dass Sie sich so schwer verletzt haben?

 

Paul Föll: Ich lag hinter der Beschneiungsmaschine und habe direkt gemerkt: Das ist unnormal, das tut so unglaublich weh. Dann bin ich auch direkt in Ohnmacht gefallen. Zwischendurch bin ich wohl ein paarmal wach geworden, aber daran kann ich mich nicht erinnern.

Ich weiß noch, dass ich dachte: Ich muss den Ersthelfern irgendwie mitteilen, dass sie meine Freunde anrufen müssen. Deshalb habe ich noch mein Handy entsperrt, dann war ich auch schon wieder weg.

„Ich lag hinter der Beschneiungsmaschine und habe direkt gemerkt: Das ist unnormal, das tut so unglaublich weh.“

Lebensritter: Welche Ersthelfer?

 

Paul Föll: Es waren zwei Skifahrer, die zuerst bei mir waren. Eine junge Frau in meinem Alter, die laut um Hilfe gerufen hat. Und dann ein Feuerwehrmann mit Familie, der Erste Hilfe geleistet hat. Ich wurde dann mit dem Helikopter nach Schwarzach geflogen. Meine Verletzungen waren aber zu schwerwiegend, deshalb bin ich direkt nach Innsbruck gebracht worden.

Die Klinik in Innsbruck ist ein sehr berühmtes Leber-Zentrum, dort wurde ich weiterversorgt. Eingeliefert wurde ich am 29. Dezember 2021 und am 1. Januar 2022 bekam ich eine neue Leber.

Lebensritter: Da hatten Sie aber großes Glück, dass so schnell ein Organ zur Verfügung stand …

Paul Föll: Ja. Und dass ich im Leber Centrum Innsbruck behandelt wurde. Allein die 32 Stunden bis zur Transplantation hätte ich in einem anderen Krankenhaus wahrscheinlich nicht geschafft. Das Leber Centrum Innsbruck ist im Bereich Forschung und Geräteausstattung besonders gut aufgestellt. Dort erforscht man auch, wie man eine Leber außerhalb des Körpers länger funktionstüchtig halten kann. [Anmerkung Lebensritter: Das Leber Centrum Innsbruck (LCI) gehört zu den wichtigsten Transplantationszentren Europas. Jedes Jahr werden hier rund 130 Nieren, 15 bis 20 Herzen, 10 bis 15 Lungen und mehr als 80 Lebern verpflanzt.]

Die Schwierigkeit ist, dass die Leber das einzige Organ ist, das man nicht maschinell ersetzen kann. Durch meine sehr gute körperliche Konstitution – ich habe immer viel Sport gemacht und war gesund – bin ich auf der HU-Liste direkt auf den ersten Platz gekommen und bekam dadurch schnell eine neue Leber. [Anmerkung Lebensritter: Die Zuteilung der Organe in der Transplantation stützt sich grundsätzlich auf zwei Pfeiler: Gerechtigkeit (Equity) und Nutzwert (Utility). Alle für eine Lebertransplantation gelisteten Patientinnen und Patienten haben das gleiche Recht auf eine Transplantation, die Dringlichkeit und das Übereinstimmen zwischen Spenderin beziehungsweise Spender und Empfängerin beziehungsweise Empfänger werden aber bei der Auswahl berücksichtigt. Um diesen beiden Grundwerten gerecht zu werden, erfolgt die Verteilung der Organe in vielen Ländern inklusive USA, Deutschland, Frankreich, Italien und Schweiz auf Basis des Model for End-Stage Liver Disease (MELD) Punktesystems.]

Lebensritter: Wie ging es dann weiter?

Paul Föll: Ich war einen Monat lang auf der Intensivstation, davon zwei Wochen im künstlichen Koma.

Lebensritter: Was war denn das Erste, was Sie mitbekommen haben, als Sie aus dem Koma erwacht sind?

 

Paul Föll: So richtig kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß noch, dass ich Halluzinationen hatte, als ich aus dem Koma geholt wurde. Das ging dann zwei Wochen so – ich habe halluziniert und hatte immer nur Momente, wo ich wirklich auf meine Umwelt reagieren konnte. Ich weiß nicht mehr, wann ich wach geworden bin, aber wie.

Da war ein Pfleger, der immer wieder zu mir gekommen ist und gesagt hat: „Paul, drück mal meine Hand, Paul kannst du reagieren?“ Ich habe ihn in einem blauen Licht wahrgenommen, habe gesehen, wie sein Gesicht über mir war. Dann bin ich aber wieder zurück in meine Halluzinations-Welten eingetaucht: Ich ging durch Flure, an denen die Moai-Köpfe von den Osterinseln hingen. Immer wieder tauchte auch der Kopf von dem Pfleger auf. Irgendwann konnte ich dann seine Hand drücken.

„So richtig kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß noch, dass ich Halluzinationen hatte, als ich aus dem Koma geholt wurde.“

Lebensritter: Gab es Komplikationen?

Paul Föll: Es gab ganz viele, ich kann gar nicht alle aufzählen, weil ich nicht mehr weiß, was das alles war. Die Leber war kurzzeitig nicht perfundiert, also nicht durchblutet, der Magen, die Lunge und die Milz waren angerissen, irgendwie war alles betroffen. Hinzu kam dann noch eine Thrombose, durch die die Sensibilität in meinem Arm, vor allem in der Hand, sehr eingeschränkt war. Um die Lunge herum hatte sich Wasser angesammelt …

Lebensritter: Das ist ja ganz schön heftig. Und die Leber? Wie lebt es sich mit einem Spenderorgan?

Paul Föll: Ich betrachte die Leber wie ein neugeborenes Baby, auf das ich achten muss. Ich behandle das Geschenk, das ich bekommen habe, so gut wie möglich, damit ich auch so lang wie möglich etwas davon habe. Ein Teil der Leber ist nekrotisch, das heißt, ich habe einen nicht funktionsfähigen Leberteil. Das ist aber nicht schlimm, daraus entstehen keine Einschränkungen. Außerdem ist die Leber das Organ, das sich am besten regeneriert.

„Ich betrachte die Leber wie ein neugeborenes Baby, auf das ich achten muss.“

Lebensritter: Apropos Einschränkungen – haben Sie durch die neue Leber irgendwelche Einschränkungen?

 

Paul Föll: Eigentlich nicht. Natürlich muss ich Medikamente nehmen, die auch mit vielen Nebenwirkungen beschrieben sind. Ich habe ein leichtes Handzittern, mir tut immer mal wieder der Kopf weh und ich muss darauf achten, was ich esse und wo ich Urlaub mache – in Länder mit mangelnder Hygiene darf ich nicht reisen. Aber sonst bin ich in meinem Alltag wenig eingeschränkt. Das liegt auch daran, dass ich im Vergleich zu vielen anderen Menschen, die transplantiert wurden, noch sehr jung bin und mein Körper sich sehr schnell an alles gewöhnt.

 

Es gibt auch nichts, was mir in meiner Ernährung richtig fehlt. Ich vermisse, dass ich das Steak jetzt nicht mehr so blutig essen kann, aber richtig eingeschränkt fühle ich mich nicht. Die Sachen, auf die ich auf jeden Fall verzichten muss, zum Beispiel Grapefruit und Johanniskraut, kommen in meinem Alltag sowieso nicht vor. [Anmerkung Lebensritter: Diese und andere Lebensmittel beeinflussen die Wirkung einiger Immunsuppressiva. Diese werden eingesetzt, um das Immunsystem zu unterdrücken, damit es das transplantierte Organ nicht angreift.]

2022 hätte ich eigentlich Abitur machen sollen, aber das ging ja nicht wegen des Heilungsprozesses. Das erste halbe Jahr nach der Transplantation habe ich den Großteil des Tages mit Ruhen und Schlafen verbracht – die Leber heilt tatsächlich am besten durch Schlaf, das haben mir viele andere Lebertransplantierte bestätigt.

Lebensritter: Treiben Sie wieder Sport?

Paul Föll: Vor dem Unfall habe ich Handball gespielt, das wurde mir direkt verboten, weil das ein Sport mit sehr viel Körperkontakt ist und immer die Gefahr besteht, dass ein Schlag auf den Bauch geht. Jetzt, also anderthalb Jahre nach der Transplantation, gehe ich viel schwimmen und fange so langsam mit dem Laufen wieder an.

Lebensritter: Und was ist mit Skifahren?

 

Paul Föll: Ich will ja in Innsbruck studieren und will es auf jeden Fall noch mal versuchen, aber dann sehr vorsichtig.

Lebensritter: Noch mal zurück zu dem Unfall. Zu dem Zeitpunkt waren Sie 19 Jahre alt und mit Freundinnen und Freunden unterwegs – wie haben Ihre Eltern davon erfahren?

 

Paul Föll: Meine Eltern waren zu Hause. Meine Freundinnen und Freunde haben sie angerufen und gesagt: „Der Paul wurde gerade mit dem Helikopter abgeholt.“ Sie dachten, dass ich vielleicht ein Bein gebrochen hätte und dass ich in den nächsten Tagen wieder mit dabei bin. Nähere Infos hatten sie nicht, weil das Krankenhaus ja nur Familienmitglieder informiert.

Und dann kam aber aus Innsbruck die Nachricht an meine Eltern, dass meine Situation äußerst kritisch ist und dass ich in Lebensgefahr schwebe. Das war natürlich ein Schock. Meine Eltern erzählen mir immer wieder, dass die ersten Tage wie ein Fiebertraum waren, weil die Situation so ungewiss war. Für meine Eltern und für meine Freunde war es der Horror.

Lebensritter: Was war für Ihre Eltern das Schlimmste an dieser Situation?

Paul Föll: Schlimm war die Hilflosigkeit, weil sie keinen Einfluss auf die Situation hatten. Sie konnten nichts verbessern oder verändern. Man wusste ja nicht, wie es weitergeht, ob ich überleben würde oder nicht. Und natürlich hatten sie Angst.

„Schlimm war die Hilflosigkeit, weil sie keinen Einfluss auf die Situation hatten.“

Lebensritter: War Organspende vor dem Unfall ein Thema bei Ihnen?

 

Paul Föll: Nein. Aber jetzt ist es anders: Alle aus Mamas und Papas Freundeskreis haben mitbekommen, was mir passiert ist. Meine Mutter ist Grundschullehrerin und wurde auf einem Klassenfest von Schülerinnen und Schülern sowie den Eltern gefragt, wie es mir geht. Jetzt war mein Abi-Ball. Und das führt dann bei vielen zu Tränen – wenn sie sehen, wie ich mich von der doch sehr brenzligen Lebenssituation erholt habe.

Wir haben auch ganz viele Organspendeausweise zu Hause rumliegen. Als ich den Unfall hatte und im Krankenhaus lag, hat sich mein bester Freund direkt 1.000 Organspendeausweise besorgt und in der Schule verteilt. Das Thema Organspende ist explosionsartig in mein Leben und in das meines Umfeldes hereinkatapultiert worden.

Lebensritter: Wie reagieren andere Menschen auf Ihre Geschichte?

 

Paul Föll: Die meisten sind sehr interessiert und stehen dem Thema positiv gegenüber. Ich kann aber verstehen, wenn man sich gegen eine Organspende entscheidet, es ist ja immer noch das eigene Organ. Wenn es aber so ist, dass man gar nicht über das Thema informiert ist und deshalb die Möglichkeit nicht nutzt, nach seinem Tod anderen Menschen zu helfen, finde ich das natürlich sehr schade. Deshalb wäre auch die Widerspruchslösung hier in Deutschland schön.

 

Viele sind der Meinung, dass die Widerspruchslösung sinnvoll ist – das ist ja auch beim Tag der Organspende klar geworden: 83 Prozent der Deutschen sind dafür, aber in der Politik geht diese Regelung nicht durch. Das ist schon frustrierend, wenn man eine so große Akzeptanz und Zustimmung hat und es dann nicht umgesetzt wird.

Mit meinen Eltern habe ich öfter darüber geredet: Wenn man sich die Situation hier in Deutschland anguckt und dann nach Spanien oder Österreich schaut, bemerkt man, wie groß die Unterschiede sind. Hier in Deutschland wartet man auf eine Niere zum Beispiel meist deutlich länger. Ich finde es auch unfair, weil zum Beispiel aus Österreich sehr viele Organe in den Spenderpool eingespeist werden und aus Deutschland nicht. Wir haben so wenige Spenden und brauchen deshalb die Organe aus anderen Ländern. Wir schmarotzen quasi.

Lebensritter: Ist der Wunsch, Mediziner zu werden, durch den Unfall ausgelöst worden?

Paul Föll: Zum Teil. Davor habe ich mich auch schon für den menschlichen Körper interessiert, es ging aber mehr in Richtung Psychologie. Die Medizin kam dann durch den Krankenhausaufenthalt. Ich habe in den drei Monaten unglaublich viel Kontakt zu den Pflegenden und den Ärztinnen und Ärzten gehabt, da ist das Interesse aufgeblüht. Was ich toll finde und was auch die Ärztinnen und Ärzte in Innsbruck immer betont haben, ist, dass es eine unglaublich schöne Situation ist, die Genesung der Kranken mitzuerleben, zu sehen, wie sich ihr Zustand bessert – gerade auf der Transplant- und Trauma-Intensivstation. Viele ehemalige Patientinnen und Patienten schreiben dem Krankenhaus nach wie vor und berichten, wie es ihnen geht.

Lebensritter: Haben Sie noch Kontakt?

Paul Föll: Ja, ich habe zum Beispiel Bilder von meinem Abitur geschickt. Dem Helikopterteam habe ich auch geschrieben – sie haben sich sehr gefreut, weil ich wohl der erste Patient war, bei dem sie wussten, wie es ausgegangen ist. Mit den Ersthelferinnen und Ersthelfern ist eine enge Beziehung entstanden. Wir waren schon zusammen essen und wollen die gemeinsamen Treffen beibehalten.

Lebensritter: Gibt es etwas, was Sie anderen Menschen mit auf den Weg geben möchten?

 

Paul Föll: Das Beste, was man machen kann, ist, sich zu informieren – weil Organspende eine Möglichkeit ist, anderen Menschen noch nach seinem Leben zu helfen. Daher wäre es sehr schön, wenn man zumindest mal einen Gedanken daran verliert und dem Thema nicht unvorbereitet begegnet.

Meine Geschichte hat gezeigt, dass man auch aus einer schlechten Lebenssituation das Beste machen kann. Ich persönlich habe daraus viel gewonnen, weil ich jetzt eine innigere Beziehung zu meinen Freundinnen und Freunden und einen Blick in die Zukunft gewonnen habe, in der noch gar nichts feststand. Mein Unfall hat mich in Kontakt mit interessanten Persönlichkeiten gebracht und viele andere Menschen beeinflusst, die jetzt ganz anders über Organspende nachdenken.

„Meine Geschichte hat gezeigt, dass man auch aus einer schlechten Lebenssituation das Beste machen kann.“

#Lebertransplantation

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